Die erste Gitarre – sah sie wirklich so aus?

Sigmund Fröhlich .

28. März 2026

Alte Saiteninstrumente hängen an der Wand. Eine schwarze Gitarre, eine birnenförmige Laute und zwei weitere, wie sie die erste Gitarre aussehen ließen.

Die frühe Gitarre war kein schlankes, sechssaitiges Konzertinstrument, sondern ein kleineres Zupfinstrument mit tieferem Korpus, weniger Saiten und einem deutlich stärkeren Bezug zur Lautenfamilie. Wer verstehen will, wie die erste Gitarre aussah, muss deshalb nicht nach einem einzigen Urmodell suchen, sondern nach einer Entwicklungslinie: von der spätmittelalterlichen guitarra latina über die Renaissance-Vihuela bis zur Barockgitarre. Genau dieser Weg zeigt, warum das Instrument heute so aussieht, wie wir es kennen, und welche Merkmale für die historische Einordnung wirklich zählen.

Die frühe Gitarre war kleiner, einfacher und deutlich näher an Laute und Vihuela als an der heutigen Konzertgitarre

  • Die älteste klar erkennbare Vorform ist die spätmittelalterliche guitarra latina mit waagerecht wirkendem, schmalem Korpus und vier Saiten.
  • Die erste frühneuzeitliche Gitarre hatte meist vier Chöre, davon drei Doppelsaiten und eine Einzelsaite.
  • Die Vihuela sah gitarreähnlich aus, war aber größer und hatte meist sechs oder sieben Doppelsaiten.
  • Die Barockgitarre brachte fünf Doppelsaiten, mehr Verzierung und eine Form, die moderner wirkt.
  • Für die Bildanalyse sind Korpusform, Rosette, Saitenaufbau und Halskonstruktion wichtiger als ein einzelnes Detail.

Eine goldene E-Gitarre mit pinkem Koffer. So könnte die erste Gitarre ausgesehen haben, ein Meisterwerk der Musikgeschichte.

So sah die erste klar erkennbare Gitarre aus

Ich beschreibe die erste Gitarre lieber als frühe Form mit wiedererkennbaren Merkmalen denn als festes Einzelobjekt. Historisch gemeint ist meist die Gitarre des frühen 16. Jahrhunderts, die aus der spätmittelalterlichen guitarra latina hervorgeht. Sie war schmaler und tiefer gebaut als die moderne Gitarre, hatte eine weniger stark ausgeprägte Taille und wirkte insgesamt kompakter.

Typisch waren außerdem vier Saiten oder, präziser gesagt, vier Chöre: drei Doppelsaiten und eine Einzelsaite. Der Korpus trug häufig ein rundes Schallloch mit Rosette, und der Saitenzug lief über einen aufgeleimten Steg zur Wirbelbox. Die Stimmung lag im 16. Jahrhundert oft bei C–F–A–D′. Das ist wichtig, weil dieser Aufbau zeigt: Frühe Gitarren waren noch keine auf Lautstärke und langes Sustain optimierten Konzertinstrumente, sondern eher handliche Begleit- und Tanzinstrumente.

Merkmal Frühe Gitarre Moderne Gitarre
Korpus schmaler, tiefer, weniger ausgeprägte Taille breiter, voluminöser, stärker standardisiert
Saiten 4 Chöre, meist 3 Doppelsaiten plus 1 Einzelsaite 6 Einzelsaiten
Hals und Kopf oft lauten- oder geigenartig wirkender Wirbelkasten flache Kopfplatte mit Mechaniken
Schallloch rund, oft mit geschnitzter Rosette rund, oft schlicht gefasst
Spielzweck Begleitung, Tanz, höfische Musik vielseitig, vom Solo bis zur Begleitung

Genau an dieser Stelle beginnt der eigentliche Vergleich mit den Verwandten der Gitarre, denn die Vihuela sieht auf den ersten Blick erstaunlich ähnlich aus. Wer frühe Instrumente sauber unterscheiden will, muss deshalb einen Schritt weitergehen.

Warum die Vihuela oft mit der frühen Gitarre verwechselt wird

Die Vihuela ist der größte Stolperstein, wenn es um die Frage nach dem Aussehen der ersten Gitarre geht. Sie war im Spanien der Renaissance ein prestigeträchtiges Instrument, größer als die Gitarre und meist mit sechs, manchmal sieben Doppelsaiten bespannt. Klanglich und in der Stimmung stand sie näher an der Laute, äußerlich aber wirkte sie schon sehr gitarreähnlich.

Für Laien ist das verwirrend, weil die Vihuela häufig denselben Umriss zeigt wie eine Gitarre: flacher Korpus, betonte Taille, Hals mit Bünden. Der Unterschied liegt im Detail und im musikalischen Zweck. Die Vihuela war stärker auf polyphones Spiel ausgelegt, also auf mehrstimmige Musik, während die frühe Gitarre schlichter gebaut war und klarer auf Begleitung und rhythmische Funktion zielte. Ich halte genau diesen Punkt für entscheidend: Die frühe Gitarre war nicht einfach eine kleine Vihuela, sondern ein eigenständiger Entwicklungspfad innerhalb derselben Instrumentenfamilie.

Wer historische Abbildungen oder Museumsobjekte betrachtet, sollte deshalb immer fragen: Wie viele Saitenchöre sind zu sehen? Wie tief ist der Korpus? Wie stark ist die Taille? Und wirkt das Instrument eher höfisch und kunstvoll oder eher kompakt und funktional? Mit dieser Perspektive wird schnell klar, warum die Gitarre in der Renaissance noch nicht die Form hatte, die wir heute sofort erkennen. Der nächste große Schritt kam im Barock.

Wie die Barockgitarre die Form vereinheitlichte

Die Barockgitarre ist für das heutige Auge oft der Moment, in dem die Gitarre wirklich als Gitarre erkennbar wird. Sie hatte typischerweise fünf Doppelsaiten, also fünf Chöre, und war kleiner als viele spätere Instrumente. Viele erhaltene Exemplare zeigen eine reich verzierte Decke, Einlagen aus Perlmutt oder Holz und ein dekoratives Schallloch mit Rosette. Das war nicht bloß Schmuck, sondern auch ein Zeichen dafür, dass das Instrument in höfischen und urbanen Milieus geschätzt wurde.

Ein weiteres Detail sind die Bundstäbchen, die damals oft noch aus Darm gebunden wurden. Diese gebundenen Bünde ließen sich verschieben und passen gut zu historischen Spielweisen. Der Korpus konnte flach oder leicht gewölbt sein, was dem Instrument einen eigenen Charakter gab. Wenn ich die Barockgitarre mit der frühen Renaissanceform vergleiche, sehe ich vor allem eines: Die Bauweise wird alltagstauglicher, die Form kompakter und die Funktion im Ensemblespiel klarer. Aus dem experimentellen Vorfahren wird Schritt für Schritt ein Instrument mit erkennbarem Profil.

Auch musikalisch verschiebt sich der Schwerpunkt. Die Gitarre wird stärker als Rhythmus- und Begleitinstrument eingesetzt, was ihre Bauform beeinflusst: weniger Saitenchöre, klarere Ansprache, handliches Format. Damit nähert sie sich dem Bild, das viele mit dem Wort Gitarre verbinden. Wer alte Aufnahmen oder Gemälde verstehen will, sollte genau diesen Übergang im Kopf behalten, denn erst im Barock wird die Silhouette für heutige Betrachter wirklich vertraut.

Woran man frühe Gitarren auf Bildern und in Museen erkennt

Ich erkenne frühe Gitarren meist nicht an einem einzigen Merkmal, sondern an einer Kombination aus Form, Saitenaufbau und Verzierung. Bei einer Laute ist der Korpus deutlich birnenförmiger; bei einer frühen Gitarre oder Vihuela wirkt der Umriss flacher und die Taille klarer. Der Hals ist in historischen Darstellungen häufig kürzer als bei einer modernen Gitarre, und die Kopfpartie erinnert eher an ältere Wirbelkästen als an eine heutige Kopfplatte.

  • Die Saitenzahl ist oft geringer als bei der modernen Gitarre, meist 4 oder 5 Chöre statt 6 Einzelsaiten.
  • Die Rosette ist häufig sichtbar und dekorativ, manchmal als geschnitztes Ornament statt als schlichte Öffnung.
  • Die Bünde wirken gebunden oder beweglich, nicht als moderne feste Metallbünde.
  • Der Korpus ist kompakter und besitzt oft tiefere Zargen als spätere Gitarren.
  • Die Stegkonstruktion ist einfacher und passt zu Darm- oder Darmsaiten.
  • Die Verzierung ist oft stärker als die Form vermuten lässt, besonders bei höfischen Instrumenten.

Der häufigste Fehler besteht darin, jede historische Zupflaute vorschnell als Gitarre zu bezeichnen. Das ist zu grob. Gerade im 15. und 16. Jahrhundert liegen Laute, Vihuela, Gittern und frühe Gitarre optisch dicht beieinander, unterscheiden sich aber in Stimmung, Repertoire und Bauweise. Wer das Instrument wirklich lesen will, muss also wie ein Restaurator oder Kurator schauen: nicht nur auf die Silhouette, sondern auf die Summe der Details. Genau daraus ergibt sich auch der praktische Nutzen für Musiker und Sammler.

Was die Bauform bis heute über das Instrument verrät

Die frühe Gitarre zeigt sehr klar, dass Instrumentenbau immer ein Kompromiss ist. Mehr Resonanz bedeutet oft mehr Größe, mehr Spielbarkeit braucht wiederum eine handliche Form, und historische Stimmungssysteme setzen eigene Grenzen. Deshalb wirkt die frühe Gitarre auf uns heute kleiner und einfacher, obwohl sie für ihre Zeit durchaus ausgereift war. Sie war nicht unvollständig, sondern anders optimiert.

Für Musiker ist das bis heute lehrreich. Wer historische Musik spielt, versteht mit Blick auf die alten Formen schneller, warum Akkorde, Anschlag und rhythmische Artikulation so wichtig waren. Für Pädagogik und Instrumentenkunde ist der Mehrwert ähnlich: Die heutige sechssaitige Gitarre ist kein Startpunkt, sondern das Ergebnis einer langen Anpassung im 19. Jahrhundert und davor. Wenn man die Entwicklung kennt, wirkt auch die moderne Gitarre weniger selbstverständlich und deutlich interessanter.

Die einfache Antwort lautet also: Die erste Gitarre sah kleiner, tiefer und sargloser aus als das heutige Instrument, hatte weniger Saiten und stand optisch zwischen Laute und Vihuela. Die genauere Antwort ist spannender, weil sie zeigt, dass die Gitarre nicht an einem einzigen Tag erfunden wurde, sondern über Jahrhunderte ihr Gesicht gefunden hat. Genau darin liegt für mich der eigentliche Reiz dieses Instruments.

Häufig gestellte Fragen

Die frühe Gitarre war kleiner, hatte meist 4 Chöre (Saitenpaare) statt 6 Einzelsaiten, einen tieferen Korpus und erinnerte optisch stärker an eine Laute oder Vihuela. Sie war mehr für Begleitung und Tanz gedacht.
Die Vihuela war größer, hatte oft 6-7 Doppelsaiten und war für polyphones Spiel konzipiert. Die frühe Gitarre war kleiner, hatte weniger Saiten und diente primär als Begleitinstrument, obwohl beide äußerlich ähnlich aussahen.
Die Barockgitarre wurde im 17. Jahrhundert populär, hatte typischerweise 5 Doppelsaiten und eine reich verzierte Decke. Ihre Form war kompakter und näherte sich dem heutigen Gitarrenbild an, was sie alltagstauglicher machte.
Achten Sie auf die Saitenzahl (oft 4-5 Chöre), die dekorative Rosette, gebundene Bünde, den kompakteren Korpus und eine einfachere Stegkonstruktion. Der Hals ist oft kürzer und der Wirbelkasten lautenähnlich.
Es zeigt, dass die moderne Gitarre das Ergebnis einer langen Entwicklung ist und nicht von Anfang an existierte. Dies hilft Musikern, die historische Spielweise besser zu verstehen, und macht die Instrumentengeschichte spannender.

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Autor Sigmund Fröhlich
Sigmund Fröhlich
Ich bin Sigmund Fröhlich und beschäftige mich seit über einem Jahrzehnt intensiv mit der Musikwirtschaft, Technik und Musikpädagogik. In dieser Zeit habe ich umfassende Marktanalysen durchgeführt und fundierte Artikel verfasst, die sich mit den neuesten Entwicklungen und Trends in der Branche befassen. Mein Ziel ist es, komplexe Informationen verständlich zu präsentieren und objektive Analysen zu liefern, damit Leser fundierte Entscheidungen treffen können. Als erfahrener Content Creator lege ich großen Wert auf die Qualität und Genauigkeit meiner Beiträge. Ich strebe danach, stets aktuelle und verlässliche Informationen bereitzustellen, die den Bedürfnissen von Fachleuten und Musikliebhabern gleichermaßen gerecht werden. Mein Engagement für transparente und gut recherchierte Inhalte spiegelt sich in jedem Artikel wider, den ich verfasse.

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